Meldung

21. Januar 2016

Wir haben die Nase voll!

Stellungnahme der Jusos Dortmund zu dem rassistischen Tenor in der Bevölkerung und in den Medien in Bezug auf die Vorfälle in Köln in der Neujahrsnacht

Wir verurteilen die Straftaten in der Silvesternacht in Köln, Dortmund und anderswo auf das Schärfste. Aber, die Diskussion über die Täter wird auf einem Niveau geführt, gegen das wir uns stellen müssen: Plötzlich wird wieder Herkunft als Grund für kriminelles Verhalten zurate gezogen, es werden absurde Schlussfolgerungen gezogen, skurrile Anstandsregeln á la "einearmlaenge" für die Opfer aufgestellt und es wird vor allem eins: gehetzt. Seit nunmehr zwei Jahren, in denen immer mehr Menschen zu uns kommen, erleben wir eine massive Zunahme rassistischer Gewalt und fremdenfeindliche Parolen werden in Deutschland wieder salonfähig. PEGIDA und seine Ableger sowie die unsäglichen Hetzer_innen in AfD, NPD, Die Rechte, der Dritte Weg und wie sie alle heißen, sind nur der äußerste rechte Rand. Aber: Rassismus hat sich den Weg in die Köpfe der Bevölkerung gebahnt und die Kommentarspalten bei Facebook, aber auch das Feierabendbierchen mit Freund*innen werden zur Nervenprobe.

Wir haben die Nase voll vom Sexismus, aber nicht weniger haben wir die Nase voll von all jenen, die sich derzeit unter der Flagge des - auf „heimische“ Frauen beschränkten - Feminismus versammeln. Wir Jusos sind ein feministischer Richtungsverband und tragen den Feminismus in unserem Selbstverständnis nicht als Relikt einer Zeit, in der man „sowas noch brauchte“, sondern weil immer noch keine Gleichheit herrscht. Das bedeutet für uns, dass wir für Gleichstellung eintreten, Gleichstellung nicht nur von Frauen, sondern unabhängig eines jeden Geschlechts. Dass es mit der Gleichstellung nicht weit her ist, ist für uns Jusos keine neue Erkenntnis. Dennoch bekommen wir bei der Berichterstattung über die Vorkommnisse in der Silvesternacht in Köln und anderen Städten der Region den Eindruck, also würden sich viele das erste Mal mit Frauenrechten beschäftigen und den Feminismus als Thema für sich entdecken.

Wir Jusos setzen uns seit langem gegen victim blaming ein, denn mit „aber sie hatte ja auch einen kurzen Rock an“ zu argumentieren ist eine Unverschämtheit und, dass die Regel „No means No“ längst selbstverständlich sein müsste, sollte auch allen klar sein. Es ist eine Frechheit, dass sich jetzt Menschen vermeintlich für den Feminismus begeistern, die nun „ihre Frauen" von Menschen aus anderen Kulturkreisen angegriffen sehen. Niemand, dem ernsthaft etwas an emanzipierten Menschen liegt, sieht diese als Besitz an. Hier melden sich patriotisch-völkische Menschen zu Wort, die sich zuvor über „diese Emanzen“ lustig gemacht haben, und nun nach einem neuen "aufschrei" rufen, um im Nachgang ihr subjektiv empfundenes Anrecht auf „ihre Frauen“ einzufordern. Feminismus wird zu einem vorgeschobenen Kampfbegriff um rassistische und islamophobe Vorurteile ohne Scham in die Welt zu posaunen, und dass nicht nur durch Einzelpersonen, sondern auch von Zeitschriften, wie der „Emma“.


Wir müssen dafür sorgen, dass sich das wieder ändert. Menschen, die sich rechtspopulistisch äußern, sollen vor Augen geführt bekommen, was sie sagen und dass sie sich nicht in einer vermeintlichen Mehrheit verstecken können. Wir müssen unserer Empörung über rassistische, menschenfeindliche und sexistischen Bemerkungen wiederentdecken, auch wenn sie aus einer vermeintlich harmlosen Richtung kommen. Dafür braucht es mehr als einen Klick auf einen Daumen, das Teilen eines Artikels oder einen traurigen oder sonst wie gelaunten Smiley. Macht den Mund auf.